Fremde Welten

„Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen.“ Das schrieb Goethe einst in einem Brief. So wage ich mich auf meiner Reise durch die VGH Berufsbilder heute in völlig fremde Welten: in den Bereich der Kfz-Sachverständigen. Wie Sie wahrscheinlich schon bemerkt haben, bin ich zwar ein recht neugieriger Mensch, aber auch ein echter Theoretiker. Jemand der gerne analytisch und abstrakt unterwegs ist und manchmal ein bisschen künstlerisch. Und einparken kann ich auch nicht – egal, wo und welches Auto. Klassisches Anwenderversagen. Mit ein wenig Angst, aber großer Neugier nähere ich mich also unserem Schaden-Schnelldienst am Schiffgraben in Hannover.

Das Base Camp

Als meinen Fremdenführer konnte ich Bernard Jäschke gewinnen. Erster Treffpunkt: das C-Gebäude der VGH Direktion in Hannover. Unsere Kfz-Sachverständigen sind viel unterwegs, aber auch sie brauchen einen heimischen Hafen. Hier werden Schadenfälle analysiert und verwaltet, Berichte und Gutachten erstellt und die täglichen Touren zu Werkstätten und Kunden geplant. Das fühlt sich für mich erst mal vertraut an – ein PC, ein Tisch, ein Stuhl 🙂 Das ist aber nicht der einzige Arbeitsplatz eines Sachverständigen. Im Prinzip ist der nämlich einfach da, wo der Sachverständige gerade gebraucht wird. Im Büro, stehend auf einem Parkplatz, unter und auf der Motorhaube … überall kommt der Laptop zum Einsatz. Schraubenschlüssel meets Prozessor.

Wir beginnen mit einem Schadenfall, bei dem der Unfallhergang anhand von einigen Fotos nachvollzogen werden muss. Denn die Beteiligten sind sich uneinig. Ein Fahrradfahrer ist gegen eine leicht geöffnete Tür eines parkenden Wagens gefahren. Klare Sache, oder? Na ja, nicht ganz. Es kommt darauf an. Stand die Tür schon offen, oder wurde sie erst geöffnet, als der Fahrradfahrer sich näherte? Schwierig – aber Herr Jäschke kann das anhand der Fotos tatsächlich herleiten. Plausibilität und Kausalität sind die Stichworte.

VGH Berufswelten Kfz Sachverständige Arbeitsplatz

Die Tour

Jeden Morgen werden Termine gemacht und Touren optimal festgelegt. Das macht der Sachverständige alles selbst. Nach einem kurzen Blick auf den heutigen Plan geht es auch schon um kurz vor 10 Uhr los. Damit die administrative Arbeit vorher gut zu erledigen ist, fängt Herr Jäschke meist schon um 07:30 Uhr an. Heute werden wir vier Termine wahrnehmen und bis ca. 16 Uhr unterwegs sein. Trotz optimaler Tourenplanung sind Karenzzeiten leider nicht zu vermeiden. Denn es geht ja nicht nur um einen Schaden, sondern auch um Emotionen rund um das Lieblingsstück unserer Nation: das Auto. Herr Jäschke nimmt sich gerne Zeit, um alles in Ruhe zu besprechen und die Schilderungen unserer Kunden nachzuvollziehen.

Station eins – ein Rangierproblem

Mit dem ersten Fall, den wir besichtigen, kann ich mich als Parkexperte gleich identifizieren. Zwei Autos sind sich beim Rangieren auf einem Supermarktparkplatz zu nahe gekommen. Der Zusammenstoß war leicht, aber nicht folgenlos. Worauf kommt es hier nun an? Darauf, ob beide in Bewegung waren (dann wird in der Regel geteilt) oder ob eine Partei stand (hier haftet der Fahrer des sich bewegenden Fahrzeugs). Welche Delle ist der eigentliche Schaden? Man hat ja meist so einige an den betroffenen Stellen. Ist der Unfallhergang plausibel und mit dem Befund am Auto in Einklang zu bringen?

Unser Kunde hat eine echte Rarität als Wagen. Ich staune und begegne dem älteren Zeitgenossen (das Auto vs. moi) mit Respekt. Zunächst schildert unser Kunde den Tathergang. Und ich staune wieder: über Lageplan, Zeichnung und Modellauto. Danach besichtigen wir den Schaden und messen seine genaue Lage mit dem Gliedermaßstab ab (s. pixeliger Zollstock). Alles plausibel, meint Herr Jäschke. Der Termin beim zweiten Beteiligten ist einige Tage später. Danach wird der endgültige Bericht erstellt.

VGH Berufswelten Kfz Sachverständige Fall Eins

Station drei – Überholmanöver mit Anhänger

Die zweite Station führt uns von Hannover hinaus in die Region. Die Sonne scheint und die Landschaft ist schön! Wie viel Kilometer muss ein Sachverständiger so täglich fahren? Das kommt eher auf die Dauer der Fahrt an. Wer mehr für ländliche Bereiche zuständig ist, muss oft längere Wege zurücklegen, die Fahrdauer ist meist aber kurz. Der Kollege der „nur“ für das Stadtgebiet Hannover zuständig ist, ist oft genauso lang unterwegs. Obwohl er viel weniger Strecke macht.

Ein Gewerbekunde hat beim Überholmanöver auf der Landstraße mit seinem Anhänger ein anderes Auto touchiert und beschädigt. Nach einem Gespräch mit dem Kunden geht es zum Parkplatz, wo die Anhänger geparkt sind. Es sind nämlich zwei und die Beteiligten sind sich nicht mehr sicher, welcher es war. Beide sehen gleich aus und sind viel auf den Straßen im Einsatz. Alles kein Problem, meint Herr Jäschke. Dann muss er eben mal mit anpacken. Per Hand wird der Anhänger nach vorne gezogen und genau inspiziert. Ich sehe … na einen großen Anhänger halt. Mit vielen Dellen und Kratzern. Ein fleißiges Arbeitstier. Genau wie Herr Jäschke – der hat den Schaden schon entdeckt. Eine kleine Delle am Kotflügel. Da muss ich erst mal näher hinsehen. Stimmt! Nun beginnt das übliche Prozedere. Gliedermaßstab, Fotos (hier kann ich endlich helfen :)) und Beschädigungen dokumentieren. Der Kunde wird über das weitere Vorgehen informiert und alle reisen zufrieden weiter.

VGH Berufswelten Kfz Sachverständige Fall Drei

Station drei – Totalschaden?

Nun steht der erste Besuch in einer professionellen Werkstatt an. Hier steht das beschädigte Auto eines Kunden und wartet auf Reparatur – oder ist es ein Totalschaden? Denn wenn die Reparatur teurer ist als der Wiederbeschaffungswert, macht sie natürlich keinen Sinn. Der schöne BMW hat schon gelitten. Ich teste mal den Blick von unserem Experten. Was schätzen Sie denn Herr Jäschke? Herr Jäschke hat einen sehr guten Blick. Die Zahl, die er nennt, weicht nur um ein Paar Euro (!) vom Wert, den der Laptop berechnet, ab. Technik ist gut, darf den Menschen hier aber nicht ersetzen. Die Summe der Reparatur entspricht fast dem Wiederbeschaffungswert. Was tun? Die Reparatur wird freigegeben. Der Kunde hängt sehr an seinem Auto. Dieses ist sehr gepflegt und hat eine geringe Laufleistung – da kommen wir gerne entgegen.

VGH Berufswelten Kfz Sachverständige Fall Vier

Der Weg führt zum Ziel

Die letzte Station an diesem Tag führt uns wieder in ein Autohaus. Edel und schön stehen die Porsche-Modelle vor mir. Als Autobanause erfreue auch ich mich zumindest am Design. Wieder muss eine Werkstattreparatur freigegeben werden. Herr Jäschke und der Serviceleiter sind sich schnell einig. Experten unter sich. Wir nutzen das Ambiente für ein kurzes Interview.

Wie wird man Kfz-Sachverständiger? Und wie sind Sie es geworden?

Bernhard Jäschke (BJ): Ich habe damals eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker gemacht. In der Zeit habe ich auch den Kfz-Sachverständigen kennengelernt, der ab und zu in meinem Ausbildungsbetrieb tätig war. Schon damals habe ich gedacht, dass das ein sehr spannender Beruf ist! Das möchte ich auch mal gerne machen. Danach bin ich erst mal zur Bundeswehr gegangen. Meinen Wunsch hatte ich aber noch im Hinterkopf. Deshalb habe ich bei der Bundeswehr den Meisterbrief erworben und zum Ende meiner Bundeswehrzeit im Rahmen der Berufsfortbildung in einem Kfz-Sachverständigen-Büro die Fortbildung zum Kfz-Sachverständigen absolviert. Und der Kollege, der mich dort eingearbeitet hat, war genau der, den ich in der Ausbildung kennengelernt hatte! Das war ein schöner Wink des Schicksals. Traumberuf erreicht, sozusagen. Und von dort hat es mich dann zur VGH verschlagen.

Ist das der klassische Weg?

BJ: Man muss nicht immer eine Fortbildung zum geprüften Kfz-Sachverständigen machen. Ein Meisterbrief im Kfz-Handwerk oder ein Hochschulabschluss ist aber immer Voraussetzung. Und viel Erfahrung, zum Beispiel als Serviceleiter in einer Werkstatt.

Was ist das Besondere für Sie in diesem Beruf und was gefällt Ihnen daran?

BJ: In meinem Beruf muss ich sehr selbstständig arbeiten und flexibel sein. Meinen Vorlieben entspricht diese Arbeitsweise sehr. Ich strukturiere den Tag selbst und bin für meine Arbeitsorganisation selbst verantwortlich. Das macht Spaß, erfordert aber natürlich viel Disziplin. Meine Tätigkeit ist auch sehr abwechslungsreich. Man weiß nie, was einen erwartet, sieht viele spannende Fälle. Auf der einen Seite hat man das Technische und auf der anderen Seite den gesunden Menschenverstand. Weiterbildung ist immer ein Thema. Auch räumlich ist man viel unterwegs, man sitzt zwar oft im Büro, aber ansonsten ist man bei jedem Wetter draußen und auf Tour. Besonders viel Spaß macht mir vor allem die Arbeit mit den Kunden.

Fazit – Elementary!

Ein bisschen neidisch bin ich ja schon. Der Beruf des Kfz-Sachverständigen ist wirklich sehr abwechslungsreich und spannend. Aber auch komplex. Manchmal hat mich der Beruf an meinen Lieblingsdetektiv Sherlock Holmes erinnert. Denn oft muss Herr Jäschke rein deduktiv Schadenfälle nachvollziehen und bewerten. Und es gelingt ihm und seinen Kollegen auch fast immer. Vielleicht müssten sie auch gar nicht so viel herumfahren, sondern könnten wie ihr Londoner Kollege im bequemen Stuhl vor dem Kamin eine Pfeife rauchen, auf die Baker Street hinausschauen und ihre genialen Gedanken schweifen lassen. Aber auch Mr. Holmes musste manchmal raus… Und genau das macht den Kollegen ja am meisten Spaß.

Mein Mitbringsel von dieser Reise? Ein unter Autoliebhabern wohl sehr begehrter alter Schatz:

 

VGH Berufswelten Kfz Sachverständige Schatz

 

 

Mein Name ist Anastasia Suprun und ich bin seit 2007 bei der VGH: Begonnen habe ich als duale Bachelor-Studentin im Versicherungsbereich. Ich habe mich schnell auf Kapitalanlagen und Finanzen spezialisiert und bin heute in der IT-Koordination im Lebensversicherungsbereich tätig. Parallel bilde ich mich zur Projektleiterin weiter.

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